Mit dem Chor Klangfarben präsentierte der Liederkranz Usenborn ein Glanzlicht des Chorgesangs


(em). Einen musikalisch-szenischen Ausflug in die Welt des Fantastischen bescherte der Männerchor Liederkranz 1898 Usenborn 170 Zuhörern im Gelnhaarer Bürgerhaus. Unter dem Motto „Die Geister, die ich rief - Geistreiche Chormusik aus verschiedenen Epochen“ gestaltete der Gießener Kammerchor Klangfarben mit seinem Leiter, dem kurhessen-waldeckischen Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum, das Programm.

Auch der Gastgeberverein zeigte eingangs, dass er, dirigiert von Matthias Schmitt, nuancenreiche Chormusik vortragen kann: „Loreley“ in einem Satz von Mathieu Neumann mit Anklängen an die bekannte Vertonung des Heine-Textes, das schmerzliche „Treu oder falsch“ desselben Komponisten und schließlich schwungvoll „Wer recht in Freuden wandern will“. In seiner Begrüßung hob der Vorsitzende Robert Wegener das besondere Thema dieses Konzertes hervor und begann, eine Atmosphäre des Unheimlichen aufzubauen, verstärkt durch die Klangfarben im Off. Beginnt das Gespräch der Macbeth-Hexen „When shall we three meet again“ in der Vertonung Stefan Kalmers als insistierender Sprechgesang, lösen sich die Stimmen dann in ein bewegt-dissonantes Klangbild.

Eindrucksvoll der Einzug des Kammerensembles: Während ganz im Stil eines traditionellen Männerchores die Sänger im Vorwärtsgehen das Schubertsche „Am Brunnen vor dem Tore“ vortrugen, sang der Nachtwächter mit Laterne und Umhang die Mitternacht ein und schon mischten sich die Sängerinnen als Hexenschar zischend, kichernd, raunend in das Klangbild.

Auf die Reise in die Welt des Fantastischen bereiteten abwechselnd als Sprecher Susanne Erker und Helmut Hering vor. Lyrisch, in sanftem Schmerz über eine entschwundene Liebe und die Vergänglichkeit des Frühlings, klangen die Chorstimmen im schwedischen Lied des Maiglöckchenkönigs, vertont von David Wikander, zusammen. Zwei Kompositionen von Shakespeare-Texten, beide von Vaughan Williams, folgten: „Over Hill, over Dale“ schildert in einem schnellen filigranen Klangbild den Flug einer Elfe im „Sommernachtstraum“. Bei „The Cloud - Capp‘d Towers“ aus dem „Sturm“ zeichnet kunstvolle Stimmführung das Bild einer kosmischen Auflösung, das durch Imitation von Wind und Lufthauch besondere Dichte erhält. Das durchgängig leistungs- und ausdrucksstarke Klangfarben-Ensemble wurde diesem anspruchsvollen Stück absolut gerecht. Romantische Sehnsucht prägt Heines „Aus alten Märchen“, vertont von Robert Schumann. Der Bariton Helmut Hering trug das Solostück, am Klavier begleitet von Marion Bathe, werktreu anfangs mit farbiger Vitalität, dann von wehmütiger Nostalgie vor.

Erschütternd, eruptiv ist dagegen Randall Stroopes Chorstück „The conversion of Saul“, Darstellung einer Szene der Apostelgeschichte. Der wütende Christenverfolger Saulus wird in Damaskus von einem Chor stampfender Sängerinnen, drängender Bässe zur Grausamkeit aufgestachelt, ehe ihn verhaltene Stimmen - himmlische Botschaft oder sein besseres Selbst? - zur Wandlung aufrufen. Mit glucksenden Wasserlauten, mit dem Quäken von Faunen ausgestaltet war Jannequins Liebeslied an die „Petite Nymphe Folastre“, in anmutigem Spiel der Stimmen folgte Gastoldis Chorsatz „Al Mormorar“. Amorphe Töne, Schnalzen, Flüstern, Geräuschnachahmung fügen sich in der zeitgenössischen Komposition Cardosos namens „Chromaphonetikos“ zu einem bizarren Klangbild zusammen.

Die Zuhörer waren so im Bann der „Klangfarben“, dass sie aufmerksam dem eigenwilligen Werk aufmerksam lauschten und mit lebhaftem Applaus die große Leistung des Chores anerkannten. Mädchenhafte Scheu, Überwältigung der ersten Liebe - all das ließ Uta Böttcher in ihren Vortrag von Mozarts „Zauberer“ einfließen, ehe mit Ravels „Ronde“ der Nymphen der erste Teil beendet wurde.

Facettenreich ging es weiter. Hineingenommen in ein Klangmeer waren die Zuhörer bei Whitacres “Water night“, gespenstisch stand dagegen die Distler-Vertonung von Mörikes dämonischem „Feuerreiter“, der Blick auf das Korallenskelett am Meeresgrund in Frank Martins „Full Fathom Five“, heiter verspielt der Tanz der Zuckerfee aus Tschaikowskys Nussknacker-Suite, grotesk das Mixen des Hexentranks in Mäntyjärvis „Double, double toil and trouble“.

An das „Herr der Ringe“-Musical erinnerten Solovorträge. Auf den anhaltenden Beifall des Publikums hin gaben die „Klangfarben“ zwei Zugaben und Wegener dankte den Sponsoren des Konzertes.

aus Kreisanzeiger für Wetterau und Vogelsberg vom 08.02.2012